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Meine Bekanntschaft mit Sascha
Im Januar 2006 kontaktierte ich Sascha Bruhn auf der Suche nach einem Filmemacher, der mit mir meine Videoclips produziert. Zuvor hatte ich bereits sechs andere Filmemacher getroffen. Keiner von diesen war der, den ich suchte. In der Bekanntschaft mit Sascha und seiner Arbeit sah ich erstmals wichtige Grundlagen für eine Zusammenarbeit, darunter auch eine gemeinsame Haltung zu weltanschaulichen Fragen, welche die Grundlage meiner Musik bilden und mir auch in der Zusammenarbeit mit anderen Menschen besonders wichtig sind.
Obwohl Sascha mich und meine Musik auf Anhieb mochte, wie er mir später sagte, zögerte er zuzusagen, da er zu diesem Zeitpunkt an mehreren anderen Projekten arbeitete und zeitlich sehr eingeschränkt war. Doch schließlich überwog seine Lust und Neugier an ungewöhnlichen Projekten, zu denen er das Unsere offenbar zählte.
Als ich ihm anbot, sämtliche Vorbereitung- sowie Organisationsarbeiten selbst zu übernehmen, um ihn zeitlich zu entlasten und ihm zusicherte, willigte er ein und wir begannen die Arbeit an unserem ersten Clip „Jade Khorshied“.
Yade Khorshid (Die Erinnerung der Sonne)
Die Lyrik in diesem Song besteht aus zwei Teilen: Der erste Teil des Textes, der von mir verfasst wurde und rezitiert wird, widmet sich dem heldenhaften Dahinscheiden von Babak Khoramdin, einem persischen Feldherren, der im Kampf für die Befreiung Persiens im Jahre 838 nach Christus sein Leben verlor.
Der gesungene Teil des Songs ist die Vertonung eines Gedichtes des persischen Dichters Hafiz. Diese Lyrik ist extrem eloquent und anspruchsvoll. Es geht grob gesagt um die Liebe als ein Wesen im menschlichen Dasein aus der Sicht eines von der Mystik begriffenen Dichters. Kein Thema, dass sich leicht in Bilder oder eine konkrete Handlung verpacken lässt. So wählten wir ein Konzept, dass sich vor allem auf meinen Gesang konzentriert und auf visuelle Effekte weitgehend verzichtet. Der sehr ruhig wirkende Gang heraus aus der Stadt an einen schönen und ruhigen winterlichen See entpuppte sich jedoch als Hindernisparcours: Drehgenehmigungen für alle Plätze zu beschaffen, an denen wir drehen wollten, war logistisch nicht möglich und so mussten wir mit der Gegebenheit zurechtkommen, dass viele Passanten sich neugierig umdrehten und in die Kamera guckten. Dass bedeutete, bei eisigen Temperaturen bis zu 20 Wiederholungen zu drehen um sicher zu sein, dass einige unbeobachtete Moment darunter waren, was wiederum eine sehr aufwändige Schnittauswahl nach sich zog.
Für die Szene am See brauchten wir unbedingt einen sonnigen Tag. So musste das gesamte Drehteam für diesen Drehtag sehr flexibel sein, da die Dreharbeiten mitten im Winter waren und auf die Wettervorhersage in der Regel keinen 100%-igen Verlass ist.
So musste unter anderem unsere Schauspielerin Valentina Rekowski, die die weibliche Rolle in diesem Clip spielte, einmal nach Hause geschickt werden, da das Wetter trotz günstiger Vorhersagen nicht mitspielte.
Setare („Der Stern“ - hier als Mädchenname) ist ein Liebeslied im 6/8 Rhythmus und es legt textlich keine konkrete Handlung nah, vielmehr besteht es aus zahlreichen Variationen von Liebesbekundungen an eine Frau, die es zurück zu gewinnen gilt. Mit meiner ersten Idee, einen Bühnenauftritt als Grundlage anzunehmen, war Sascha nicht zufrieden.
Nachdem wir bereits in „Yade Khorshied“ sehr puristisch mit der Gesangsebene umgegangen waren, wollte er diesmal den viel größeren inhaltlichen Spielraum, für ein erzählerisches Konzept nutzen. So bemühten wir uns, die Auftritts-Idee mit einer Spielhandlung zu kombinieren, die um das Thema „eine Frau zurückgewinnen“ kreist. Die Idee bestand im Kern darin, mich als einen einfachen Musiker zu präsentieren, der seine Geliebte den Händen eines wohlhabenden und arroganten Nebenbuhlers entreißt.
Diese Geschichte mit vielen Akteuren, Aktionen und Kameraeinstellungen musste in kürzester Film- und Drehzeit erzählt werden und stellte uns in einer umso längeren Vorbereitungsphase vor viele Aufgaben: In erster Linie brauchten wir eine Location, die dem Style des wohlhabenden Nebenbuhlers gerecht werden musste. Nach langer Suche fand ich ein Nobel-Restaurant in Köln namens Bosporus, das unseren Vorstellungen entsprach.
Extrem viele Recherchen und Castings waren auch nötig, um alle Haupt- und Nebenrollen wie geplant mit orientalischen Darstellern besetzen zu können. In einer langen Probephase, konstruierten wir choreographisch genau den gesamten Ablauf, da die Handlung zeitlich linear zur Song-Dauer verläuft und wir uns hinterher im Schnitt im Fall eines Fehlers nicht in andere Zeit- und Handlungsebenen retten konnten.
Endlich war es so weit. Zu dem ersten Drehtermin erschienen sämtliche Statisten, Darsteller sowie das technische Team. Auch von der Kölner Stadtanzeige waren eine Journalistin und ein Fotograph zur Berichterstattung erschienen.
Kurz vor Drehbeginn zerbrach mein Bruder Kaveh im Vorbeigehen aus Versehen eine der acht Tischlampen, die wir Tags zuvor mit viel Mühe in verschiedenen Filialen eines Baumarktes gekauft hatten. Es waren Restposten und wir hatten keine einzige Lampe zusätzlich als Ersatz bekommen. Diese Lampen dienten nicht nur zur Filmbeleuchtung sondern waren gleichzeitig das zentrale Gestaltungs-Element im Restaurant.
Sascha teilte mir mit, dass der Dreh eventuell verschoben werden müsste, wenn wir das Problem nicht lösen konnten. Ich war fassungslos: Sollte dieser ganze monströse Vorbereitungs-Aufwand durch eine einzige billige Dekolampe zunichte gemacht werden?
Saschas Regieassistentin Nina gelang es glücklicherweise, das zerbrochene Glas mit weißer Lichtfolie zu ersetzen, ein für die Kamera unsichtbarer Eingriff, so dass wir unseren sehr eng gesteckten Drehplan doch noch einhalten konnten.
To Begoo Doosam Dary (Sag, dass du mich liebst!) ist wiederum ein Tanz- und Liebeslied. Saschas erste Assoziation beim Hören war eine Klicke von Freunden, die an einem heißen Sommerabend durch Wald und Felder streift und ausgelassen feiert und herumtollt. Abgesehen davon, dass es in Köln Winter war und ein Dreh im Ausland finanziell nicht realisierbar, hatte ich den Wunsch wieder mit einer Geschichte zu arbeiten und dabei eine Tanzschule sowie Salsatanz als Gestaltungselemente zu integrieren.
Sascha entwickelte innerhalb weniger Minuten das Grundkonzept für den Clip einschließlich der Integrierung der beiden Elemente, die ich wünschte. Ich mochte das Konzept direkt und sah bildlich vor meinen Augen, wie der Videoclip aussehen würde. Aus dem „Fest auf der sommerlichen Wiese“ wurde ein „nächtlicher Alptraum“.
Auch bei diesem Clip musste viel vorbereitet und organisiert werde: von der altmodischen Tanzschule, dem Tanzlehrerpaar, meiner Tanzpartnerin, dem Choreographen bis zu den Kostümen der Statisten und vieles mehr kümmerte ich mich in endlosen Telefonaten und Verabredungen. Diesmal entpuppte sich das stilisierte Outfit der Statisten im 20er-Jahre-Stil als Stolperstein: Ich teilte Sascha mit, dass manche meiner Freunde und Bekannte, die als Statisten in dem Videoclip agieren wollten, das Make-up und die Kostüme nicht mochten. Persische Menschen möchten halt in ihrem privaten Verständnis davon „schön“ sein, wenn sie in einem Clip auftreten und ich wollte meinen Freunden so weit wie möglich entgegenkommen, damit sie sich bei unserem Dreh wohl fühlten. Zu diesem Zeitpunkt war Sascha sich selbst auch nicht mehr sicher, ob er den Bogen von „Bruhnfilm“ zu einem arglosen Persischen Pop-Song nicht etwas überspannte, wie er mir später beichtete- er befasst sich ja, wie man hier unter „Mediathek“ sehen kann, sonst eher mit düsteren bis gruseligen Filmthemen. Dabei hatten wir zu Anfang gar nicht vor, so surreal zu werden. Es ging uns, ähnlich wie bei „Setare“ nur darum, einen Kontrast zwischen mir, meiner Partnerin und einem konservativen Tanzschulpublikum herzustellen. Als ich Sascha jedoch mein Outfit für diesen Clip präsentierte, meinte er, dass ich mich auf diese Weise nicht genug von anderen elegant gekleideten Tanzschülern unterscheiden würde. Nach weiteren endlosen Telefonaten, konnte ich schließlich alle dazu überreden, sich unserem Konzept anzuvertrauen und sich auf diese merkwürdige aber effektive Weise vor der Kamera zu präsentieren. Wir wussten, dass der Clip nur dann funktionieren würde, wenn alle Übertreibungen leicht und humorvoll wirkten. Dies war nicht immer ganz einfach in insgesamt 60 Stunden fast ohne Schlaf: Die Dreharbeiten dauerten drei Tage und zwei Nächte lang und wie in einer richtigen Bollywood-Produktion nahezu ununterbrochen. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass wir von keinem zweiten Team abgelöst werden konnten.
Dokhtaraye Kuchike Ma (Unsere Kleinen Mädchen) ist ein Lied über Prostitution im Iran.
Dieses Thema ist von einer besonders tiefen Tragik gekennzeichnet. Der Schmerz jener jungen iranischen Frauen, die sich verkaufen, um ihr Überleben sowie das Überleben ihrer Familien sicherstellen zu können, ist im Iran kein Einzelschicksal mehr. Ich hatte den Songtext schon Jahre zu vor im Winter 2003 in einem Lokal in Düsseldorf während Besuchs von einem Freund, der neulich aus dem Iran zurück war und mir die Verhältnisse schilderte, geschrieben. Der Song hatte die Substanz von einer Träne, auch wenn ein Winterhimmel voller Tränen beim Versuch zu regnen die Trauer dieser vom Schmerz gezeichneten Schicksale dieser jungen Frauen nicht ausdrücken kann.
Ich wollte vor allem drei Gestaltungsebenen. Als erstes einen besonderen Tanz, eine Kombination aus tänzerisch gestaltetem Kampfsport sowie Elementen aus Hip-Hop und Jazzdance. Zum anderen wollte ich, dass wir mit echtem Dokumaterial aus dem Iran arbeiten. Die dritte Ebene sollte mein Gesang in einer Ruine sein.
Da wir den „Befreiungstanz“ als zentrales Gestaltungselement ansahen, hielt es Sascha für angemessen, hierfür eine Location auszusuchen, die im Kontrast zu der Ruine steht, in der ich singen wollte. Sascha hatte die Inspiration die Tanzszene auf einem grünen Berg zu drehen, wo weit und breit nur die Natur in all ihrer Schönheit zu sehen ist. Nach reiflicher Suche fanden wir einen solchen Ort im „Bergischen Land“ nahe Köln.
Eine Ruine, die unserer Vorstellung nahe kam, fand ich in Bochum, ca. 2 Stunden von Köln entfernt: ein verfallenes Industriegelände. Wir besichtigten es gemeinsam, um uns für die Auflösung vorzubereiten und die Formalitäten für die Drehgenehmigung mit unserem Agenten vor Ort in die Wege zu leiten. Nachdem wir sämtliche Tanzschulen in Köln und Umkreis kontaktiert hatten, luden wir einige Choreographen und Tänzerinnen zu einem Casting ein. Unser Anspruch, einen kampfsport-erfahrenen Choreographen zu finden erschwerte die Suche erheblich doch schließlich fanden wir mit Courb einen Choreographen, der diese Voraussetzung mit sich brachte und auch selber ein ausgezeichneter Tänzer ist. Von mehreren Tänzerinnen, die wir casteten, entschieden wir uns für Elianna Rodriguez. Elianna war eine Tänzerin, die sehr gefühlsbetont tanzte.
Leider verschätzten wir uns mit der benötigten Vorbereitungszeit, in der Elianna vor allem die Kampfsportelemente von Grund auf lernen und trainieren musste. Es stand schon wieder der Winter bevor, der die beabsichtigten Tanzaufnahmen im Freien unmöglich machen würde. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir bereits “Yade Khorschid“ und „Setare“ gedreht um keine Zeit zu verlieren, beschlossen wir, den Clip zu „To Begoo Doosam Dary“ vorzuziehen.
Als die Choreographie nach mehreren Monaten im März 2007 endlich drehfertig war, standen wir vor einem neuen Problem: die Ruine, die wir als Location für meinen Gesang ausgewählt hatten, war inzwischen bebaut!!!
Sascha schlug mir einige Locations vor, die eine ähnlichen Effekt erzeugen konnten, jedoch weit über Köln verstreut lagen und einen großen logistischen Mehraufwand zur Folge hatten.
Am 11.03.2007 um 12:00 Mitternacht fuhr Sascha mit einem Teil unseres Teams nach Ommerborn, um die Technik aufzubauen. Ich folgte ihm in ein Paar Stunden mit dem Rest der Crew.
Wir wollten den Sonnenaufgang nicht verpassen.
Möge die Sonne auch in dem von Trauer und Schmerz begriffenen Herzen jener Frauen aufgehen, die die wehrlosesten auf dieser Erde sind. Ich möchte,
dass sie wissen, dass auch in fernen Ländern viele an sie denken. Ihr seid nicht vergessen meine lieben Landsfrauen!
Entschuldigt, dass ich mehr als Empfinden für Euch nicht machen kann!
Ramtin
Köln, 28.05.2007

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